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Der Wahrheitsgehalt der Bibel
oder die Bibel als Geschichts-, Gedichts- und Gerichtsbuch
(Vortrag zur Eröffnung der Bibelausstellung in Bad Liebenwerda am 31.10.2003)

1. Vorspann: Was ist das Geheimnis und die Mitte der Bibel?
2. Die Bibel, ein Geschichtsbuch
3. Die Bibel, ein Gedichtsbuch
4. Die Bibel, ein Gerichtsbuch
5. Abspann: Praktische Anleitung zum Bibel lesen

1. Vorspann: Das Geheimnis und die Mitte der Bibel

Vor kurzem war ich mit meinen Kindern in einem Vergnügungspark. Eine besondere Attraktion war es, daß jeder ein Sieb in die Hand bekam wie man es aus Sandkästen kennt, und wir anschließend Goldstücke aus dem Dreck rauswaschen durften. Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Bibel, die mir als Themenstellung vorgegeben wurde, scheint ein ähnliches Verfahren nahe zu legen. Mit einem selbst gebastelten Sieb schütteln wir die Bibel kräftig durch- in der Hoffnung, daß wertvolle ewige Wahrheiten darin hängen bleiben. Tatsächlich ist das, was die Bibelkritik an den Universitäten tut, diesem Vorgehen nicht unähnlich: Dabei erhält man aber das verblüffende Ergebnis, daß, je nachdem wie das jeweilige Sieb beschaffen ist, ganz unterschiedliche Wahrheiten als Goldstücke hängen bleiben. Erstaunlicherweise decken sich die goldenen Wahrheiten, die man auf diese Weise aus der Bibel gesiebt hat, dann fast immer mit der theologischen Voreinstellung dessen, der das Sieb hergestellt hat. Das ist auf die Dauer totlangweilig, denn am Ende kommt immer nur das heraus, was ich der Bibel vorher erlaubt habe zu sagen.

Mir scheint ein anderer Umgang mit der Bibel viel besser. Die Bibel ist ein Liebesbrief Gottes an uns Menschen. Mit einem Liebesbrief gehe ich auch nicht so um, daß ich die Liebeserklärungen rausschneide, und den Rest wegwerfe. Vielmehr wird mir von dem Grundton des Briefes her alles andere auch wichtig. Ich nehme es mir alles zu Herzen und kein Satz ist zuviel. Wieso? Weil mir der Autor lieb ist! Der Autor ist entscheidend und je nachdem, wie mein Verhältnis zu dem Verfasser ist, so bedeutend sind mir auch seine Worte. Wenn ich eine Liebesbeziehung zu dem Autor habe, zählt jedes einzelne Wort. Die Bibel ist eben kein Selbstzweck, sondern ein Vehikel um mit dem Autor in Kontakt zu kommen. Sie dient dazu, daß ich Gott kennenlerne und nur, wenn ich das von ihr erwarte, wird sie sich mir von innen heraus erschließen.

Natürlich, man kann die Bibel auch anders lesen: Berthold Brecht z.B. wurde gefragt, welches sein liebstes Buch sei? Er antwortete: "Sie werden lachen, die Bibel!" Das hätte man Brecht nicht zugetraut, daß er als erklärter Atheist, die Bibel zu seinem Lieblingsbuch erklärt. Er schätzte sie als literarisches und historisches Meisterwerk. So kann man die Bibel auch lesen. Aber ihr Geheimnis, der Clou an der Sache, bleibt einem doch verborgen. Es ist ungefähr so, als nähme man ein Kochbuch in die Hand, und dann freut man sich an den schönen Fotos oder man regt sich auf über die schlechten Formulierungen. Aber ein Kochbuch ist nun mal nicht dazu da, um den Literaturnobelpreis zu gewinnen oder um tolle Fotos zu zeigen. Es kommt einzig und allein darauf an, daß am Ende ein gutes Essen auf dem Tisch steht. Das zeichnet die Qualität eines Kochbuchs aus.

Deshalb müssen wir uns auch fragen: Was ist eigentlich die Absicht der Bibel? Was ist ihr Selbstanspruch? Worüber möchte sie uns Auskunft geben?
Wenn wir sie auf naturwissenschaftliche oder literarische Qualitäten befragen, liegen wir auf jeden Fall daneben. Was die Bibel eigentlich will, läßt sich an zwei wiederkehrenden Phänomenen beobachten: Da ist einmal die Botenspruchformel der Propheten. Die menschlichen Verfasser der Prophetenbücher im alten Testament beginnen die meisten ihrer Reden mit der stereotypen Formel "So spricht der Herr ..." Wir wissen fast gar nichts über diese Propheten, wer sie eigentlich sind oder was ihnen persönlich wichtig ist. Sie verschwinden und verdunsten regelrecht hinter der Botschaft, die sie auszurichten haben. Das gleiche Phänomen begegnet uns in anderer Weise auch im Neuen Testament, im zweiten Teil der Bibel. Seine Verfasser nennen sich selbst "Apostel" das ist ein Fachbegriff für eine Art Botschafter. Ein Botschafter richtet das aus, was die Regierung sagt. Seine eigene Meinung und Absichten sind nicht gefragt. Ein Apostel hat ausschließlich das zu sagen, was ihm von oben her aufgetragen ist. So bedankt sich der Apostel Paulus bei der Gemeinde in Thessaloniki "daß ihr das Wort Gottes, das ihr durch uns empfangen habt, nicht als Menschenwort, sondern als das aufgenommen habt, was es in Wahrheit ist, nämlich als das Wort Gottes." Die Propheten und Apostel, also die Verfasser der Bibel, nehmen für sich in Anspruch nicht menschliche Gedanken, Einfälle und Meinungen zu sagen, sondern das, was Gott selbst den Menschen mitteilen möchte. Das wird auch an einem Ausnahmefall deutlich in 1. Kor. 7,25. Dort weist der Apostel ausdrücklich darauf hin: "Achtung! Jetzt sage ich mal meine eigene Meinung ..." Also: Die Regel ist, daß die Apostel das weitersagen, was die Regierung, was der Geist Gottes den Gemeinden sagt. In der christlichen Tradition bezeichnet man diesen Vorgang als Inspiration: Der Geist Gottes hat den Verfassern der Bibel die Erkenntnisse und Lehren in das Herz und in den Kopf gegeben, die sie aufgeschrieben haben.

Die Bibel hat über Jahrhunderte eine überragende Erfolgsgeschichte. Sie ist das meistverkaufte und meistgedruckte Buch der Welt. Sie wurde in unerklärlicher Weise gehaßt, verboten und verbrannt. In Nordkorea und China ist das zum Teil heute noch so. Zahllose Menschen haben ihr Leben riskiert, um eine Bibel zu bekommen oder sie mit eigener Hand abgeschrieben. Menschen aus allen Erdteilen und allen Völkern ist die Bibel wertvoller als alles andere auf der Welt. Die Bibel ist in über 1800 Sprachen übersetzt, ja manche Sprachen sind überhaupt erst dadurch zu Schriftsprachen geworden, daß die Missionare und Übersetzer die Sprache verschriftlicht haben, um die Bibel in der Stammes- oder Landessprache zugänglich zu machen. Das gilt z.B. für die slowenische Sprache und zahlreiche Sprachen von Ureinwohnern und auch die deutsche Sprache ist wesentlich durch die Luther Übersetzung der Bibel gestaltet worden. Wie ist dieser Einfluß und diese Erfolgsgeschichte erklärbar? Das Geheimnis der Bibel ist: Gott steckt dahinter! Er selber beglaubigt dieses Buch, so daß seine Kraft davon ausgeht. Er bekennt sich dazu als zu seinem Wort und macht es an denen, die es lesen und zu Herzen nehmen zu einer lebendigen Wirklichkeit. Ich habe zahlreiche Spruchkarten an meiner Pinnwand, auf denen sich Bibelsprüche finden, durch die Gott zu mir geredet hat. Ich erinnere mich z.B., wie ich vor einer schweren Prüfung stand und mein Blick zufällig auf das Wort von Jesaja (40,9) viel: "Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug den Unvermögenden." Als ich ihm dieses Wort unter die Nase gerieben habe, hat er es an mir wahr gemacht und ich konnte wie Elia in der Wüste durch die Kraft Gottes die ganze Nacht lernen. Unzählige Male haben wir erlebt, welche Trost- und Hoffnungskraft von den Worten der Bibel ausgeht: In Berlin haben wir regelmäßig mit einer Gruppe von Christen sterbenskranke Menschen in einem geriatrischen Krankenhaus besucht. Zum Teil waren sie kaum noch bei Bewußtsein und in einer apathischen, verzweifelten Verfassung. Aber wenn wir mit ihnen Worte aus der Bibel beteten, geschah häufig ein kleines Wunder. "Der Herr ist mein Hirte ... Und wenn ich auch durchs finstere Tal gehe, du bist bei mir!" (Psalm 23) Sie sprachen diese Worte mit, die sie von früher her kannten und ein Lachen, eine große Freude erschien auf ihrem Gesicht. Solche Wirkungen der Bibel sind menschlich nicht erklärbar. Gott selber gebraucht dieses Wort.

Darum heißt es in 1. Tim. 3,16: "Die ganze Heilige Schrift ist von Gott eingegeben und ist nützlich zur Lehre, zur Aufdeckung der Schuld und zur Erziehung in der Gerechtigkeit."

Weil Gott in erster Linie durch die Bibel redet, gilt in der Ev. Kirche das Schriftprinzip. So sagt das Grundgesetz der Berlin- Brandenburgischen Kirche, daß an der Bibel allein Lehre und Leben zu messen sind. Dahinter steckt die evangelische Grundüberzeugung: Gott leitet und regiert seine Leute durch das Wort der Bibel. Wir bleiben so lange und so sehr sein Volk, wie wir unter dem Wort der Bibel bleiben und uns davon leiten und korrigieren lassen. Das Geheimnis der Bibel ist aber nicht nur, daß sie Gott zum Verfasser hat, sondern auch, daß es in ihr eine Mitte gibt, um die sich alles dreht. Es ist sozusagen der Herzschlag und das worauf alles hinausläuft.
In jedem Computer gibt es eine CPU- das ist das Entscheidende! Daneben gehören noch viele Peripheriegeräte dazu: Eine Maus, ein Monitor, ein Drucker und eine Soundkarte. Ohne manche dieser Peripheriegeräte kann man ganz gut auskommen, ohne die CPU aber nicht!

In der Bibel gibt es auch eine ganze Menge Peripherie - wenn ich das nicht alles verstehe, dann ist das schade, aber auch nicht so schlimm! Hauptsache, du kennst die Hauptsache! Und wenn du die begriffen hast, dann erschließt sich alles andere.

Die Hauptsache ist der "Messias". Messias hat wörtlich der Gesalbte, also derjenige auf den der Geist Gottes ruht und durch den Gott selber zu den Menschen kommt. Um den Messias dreht es sich in der Bibel. Schon ganz am Anfang hören wir wie die Menschen Gott eine Absage erteilt haben. Der Satan in Gestalt einer Schlange hat sie dazu verführt. Und dann heißt es: Es wird ein Mensch kommen, der wird dieser Schlange den Kopf zertreten und das Böse besiegen. (1.Mose 3,15) Gleich am Anfang der Bibel geht es um den Messias. Die Ankündigung des Messias ist der rote Faden, der sich durch die ganze Bibel hindurch zieht. So wie in einem Musikstück das Thema immer wieder auftaucht, so ist in jedem der 66 Bücher der Bibel immer wieder auf die ein oder andere Weise von ihm die Rede. In den Evangelien schließlich wird berichtet, wie er zur Zeit des römischen Kaisers Augustus leibhaftig als Kind des Volkes Israel, als Jude, zur Welt kam. Dann erfahren wir von seinem Wirken und von den heilsamen Erschütterungen, die sein Erscheinen mit sich brachte. Ganz am Ende der Bibel bekommt Johannes noch einmal einen Durchblick hinter den Vorhang, der uns von der unsichtbaren Welt trennt. Und er sieht den lebendigen Christus, der sagt: "Siehe ich war tot und bin lebendig und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes!" (Offenbarung 1,18) Die Bibel sieht unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart und auch die Zukunft von Christus bestimmt. Sie erwartet, daß er noch einmal erscheinen wird, sichtbar für alle Menschen in großer Macht und Herrlichkeit.

Von der Mitte Jesus Christus her ist die Bibel in zwei Teile geteilt: Altes und Neues Testament. Testament bedeutet dabei soviel, wie Bundesverfassung. Das Alte Testament beschreibt also die Zeit, in der die erste Bundesverfassung Gottes mit seinem Volk in Geltung war. Das Neue Testament berichtet von der Zeit nach Jesu Geburt und von der aktuellen Verhältnisbestimmung von Gott und uns Menschen, die im neuen Bund gilt. Überall hören wir im Alten Testament von der Erwartung des kommenden Retters.

Um Jesus Christus dreht sich alles in der Bibel. Es läuft alles auf ihn hin oder es kommt alles von ihm her. Für die ersten Christen, die sich im Alten Testament, in der hebräischen Bibel auskannten, war es darum eine große Freude wo im Alten Testament manchmal auch nur indirekt oder verschlüsselt, von Jesus die Rede ist.

Alle Linien in der Bibel laufen auf diese Mitte hin oder kommen von ihr her. Darum hat Martin Luther gesagt, daß die Geschichten der Bibel "Christus treiben". Er meint damit, daß sie mehr oder weniger auf ihn hinweisen und von ihm her denken und reden. Deshalb ist es auch klug und zu empfehlen, wenn man beim Lesen der Bibel, bei den Berichten über Jesus, also bei den Evangelien anfängt.

Menschen, die mit offenem Herzen die Bibel gelesen haben, haben immer wieder die Erfahrung gemacht, daß beim Hören der Worte Jesu und beim Nachdenken über ihn es geschieht, daß er selbst zu ihnen redet. Der heute lebendige Jesus Christus benutzt die Worte, die von ihm und über ihn in der Bibel aufgeschrieben sind, um uns selber persönlich anzureden. Ein englischer Bischof hat dieses Phänomen mit einem Gemälde verglichen, das plötzlich lebendig wird: "Die Bibel ist das Portrait unseres Herrn Jesus Christus. Die Evangelien sind die Hauptgestalt im Mittelpunkt. Das Alte Testament stellt den Hintergrund dar, der auf die Mitte hin entworfen ist. Er weist auf sie hin und ist für das Ganze unverzichtbar. Die Briefe des Neuen Testamentes dienen der Hauptperson als Gewand. Sie erklären und beschreiben Sie. Und dann, während wir mit unserer Bibellektüre das Portrait als Ganzes zu verstehen suchen, geschieht das Wunder! Die Gestalt wird lebendig! Christus steigt herab von der Leinwand des geschriebenen Wortes, um durch die Schrift selbst mit uns zu reden." (zitiert nach John Stott, Unser christlicher Glaube, Seite 116-117)


2. Die Bibel, ein Geschichtsbuch

Es gibt einen einfachen Grund, wieso die Bibel ein Geschichtsbuch ist: Der lebendige Gott offenbart sich uns und der ganzen Welt durch gedeutete Geschichte. Dabei ist es nicht einfach so, daß man ihn in jedem Geschehen erkennen kann. Manche haben das schon gemeint und sich schrecklich dabei getäuscht. Wer Gott ist, zeigt sich vielmehr an seinem Handeln mit einem bestimmten, von ihm allein ausgewählten Volk. Hier zeigt er seinen Willen, sein Wesen und sein Wirken. Im alten Bund war dieses Volk das Volk Israel, also diejenigen, die leiblich von Abraham abstammten. Gottes Absicht war: Alle Menschen sollten auf Israel schauen und am Leben dieses Volkes die Wirklichkeit Gottes entdecken. Im neuen Bund ist es die Gemeinde Jesu aus allen Völkern, an denen eine neue Menschheit sichtbar wird. Hier bei Jesus und bei dem, was er durch die Christen tut, wird Gott erkennbar.

Wie nun das Handeln Gottes in der Geschichte zu verstehen ist - das deutet Gott selbst. Dazu hat er Propheten und Apostel berufen, die gewissermaßen als sein Mund die Geschichte seines Volkes deuten sollen. Also ist die christliche und die jüdische Offenbarung Geschichts- und Wortoffenbarung zugleich. Gott handelt an Israel und der Gemeinde, er reagiert auf ihr Verhalten, er tritt in ein lebendige Beziehung zu seinen Menschen und er sendet Boten, die sein Wirken deuten. Das Verblüffende daran ist: Gott kommt uns unheimlich nahe! Er begegnet uns nicht distanziert durch philosophische Gedanken oder Gesetze, die vom Himmel fallen, sondern er selber wird greifbar in unserer Welt und er kommt schließlich in der Person des Menschen Jesus ganz auf unsere Seite. So nah, so konkret, so wirklich wollen viele Menschen Gott gar nicht haben, denn dann ist es nicht mehr so einfach, sich seiner Wirklichkeit und seinem Anspruch zu entziehen.

Weil Gott sich in der Geschichte offenbart hat, nenne ich die wichtigsten Ereignisse, durch die Gott entscheidend gehandelt hat. Es begann 1800 Jahre vor Jesu Geburt mit der Berufung Abrahams. Dieser Mann im heutigen Irak bekam eine Zusage mit universaler Bedeutung. Gott sagte ihm: "Ich will dich zu einem großen Volk machen und dieses Volk wird ein Segen sein für alle Völker!" (1. Mose 12) Die Nachkommen Abrahams mußten schließlich in Ägypten leben und als Sklaven arbeiten. Aber Gott berief sich einen Diener, Mose, und führte sein Volk aus der Gefangenschaft durch das Meer in die Wüste Sinai. Dieser sogenannte "Exodus" geschah etwa 1400 vor Christus. Am Berg Sinai schloß Gott einen Bund mit seinem Volk und gab ihnen als Bundesverpflichtung die zehn Gebote. Unter Moses Nachfolger eroberte Israel das Land, das Gott schon dem Abraham versprochen hatte. Das sogenannte Land Kanaan. Hier regierte um 1000 vor Christus der berühmte König David, der Jerusalem zur Hauptstadt des Landes machte und zu einem Ort, den Gott in besonderer Weise erwählt hat. Davids Sohn Salomo baute dort einen Tempel, von dem aus Israel die Nähe Gottes erlebte. In den kommenden 500 Jahren traten die allermeisten der Propheten auf, die viele der Bücher des alten Testamentes verfaßt haben. Sie warnten die Könige und das Volk davor, dauerhaft von Gott abzufallen. Nach dem diese Warnungen ungehört blieben, trat tatsächlich ein, was Gott über Jahrhunderte vorausgesagt hatte: Im Jahr 586 wurde das ganze jüdische Volk ins Exil nach Babylonien verschleppt und erst 70 Jahre später wurde ihnen von dem persischen Herrscher die Rückkehr in ihr Land erlaubt. Mit dem Wiederaufbau des Tempels unter Esra und Nehemia endet das Alte Testament. Das Neue Testament beginnt mit dem Anfang einer neuen Epoche, mit Weihnachten. Der, der dort geboren wird bekommt einen programmatischen Namen. Sein Stiefvater Josef erhält den Auftrag: "Du sollst ihn Jesus nennen, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden." "Jeschua" heißt auf Hebräisch "Retter". Diesen Namen bekommt das neugeborene Kind, weil er es ist, durch den Gott uns aus Schuld und Sterblichkeit rettet. Durch sein Leben voller Liebe und Erbarmen und durch sein Sterben am Kreuz in Jerusalem leistet Jesus stellvertretend die Gerechtigkeit, die wir Gott schulden. Wie es schon im Alten Testament von den Propheten angekündigt worden war, bleibt Jesus nicht tot. Drei Tage nach seinem Sterben am Kreuz begegnet er zahlreichen Menschen, ißt und spricht mit ihnen. Die Freude darüber, daß Jesus den Tod besiegt hat, erfüllt die Herzen der Christen bis heute. Sieben Wochen nach der Auferstehung sendet Gott seinen Heiligen Geist und am Pfingsttag entsteht die erste Gemeinde. Während das Leben von Jesus in den Evangelien beschrieben wird, berichtet der Rest des Neuen Testaments von den Erschütterungen und der explosionsartigen Ausbreitung des christlichen Glaubens in der antiken Welt. Um das Jahr Hundert etwa sind dann alle Schriften des Neuen Testaments fertig geschrieben. Somit beschreibt die Bibel einen Zeitraum von etwa 2000 Jahren.
Ihre Texte sind großartig überliefert. Es gibt keine Schrift der Antike, sei es von Cäsar, oder von Plato, oder von Cicero von der es annähernd so viele Handschriften gibt wie von der Bibel. Und bei keinem Buch aus dieser Zeit kommen wir so dicht an die Abfassung der Originalhandschriften heran, wie das bei den erhaltenen Handschriften der Bibel der Fall ist.
Vor einigen Jahren wurde in einem der Täler, die Jerusalem umgeben ein kleines Silberplättchen gefunden, in das der aaronitische Segen, ein wichtiger Teil der Bibel, eingegraben ist. Es stammt aus dem Jahre 600 vor Christus! In den berühmten Qumran - Handschriften ist zum Beispiel das größte Prophetenbuch, das Buch Jesaja vollständig erhalten und mit großer Präzision verfaßt. Es war eine Sensation, als die Forscher entdeckten, daß der Text dieser Qumranrolle fast exakt mit den Handschriften übereinstimmte, die vorher die ältesten waren, die wir hatten. Über 500 Jahre die zwischen Qumran und dem Codex Sinaiticus liegen war der Bibeltext originalgetreu erhalten worden. Die Vielzahl der vorliegenden Handschriften macht unzählige Vergleiche möglich, so daß der ursprüngliche Text der Bibel zu über 99% feststeht. Es gibt keine Schrift dieser Zeit, die so sicher überliefert ist, wie die Bibel.

Die Bibel ist ein Geschichtsbuch, denn sie erzählt Geschichten davon, was Menschen mit Gott erlebt haben. Wenn wir uns in diese Geschichten hinein begeben, können wir Gott kennenlernen. Immer wieder geschieht das Wunder, daß der Funke überspringt. Was Menschen damals mit Gott erlebt haben, wird zu ihrer eigenen Erfahrung und deckt sich mit ihrer eigenen Lebensgeschichte. Wenn die Juden jedes Jahr das Passafest feiern, bei dem sie an den Auszug aus Ägypten denken, heißt es in der Feier - Anleitung (Passah- Haggadah): "Jeder sehe sich so an, als sei er selbst damals aus Ägypten ausgezogen." Durch die Bibel lernen wir Gott nicht nur theoretisch kennen, sondern so, daß wir an den früheren Erfahrungen, die Menschen mit ihm gemacht haben Anteil bekommen!

Wie ist es denn, wenn wir einen Menschen kennenlernen wollen? Vielleicht lesen wir eine Partnerannonce in der Zeitung. Selbst wenn sie ausführlich ist, wissen wir doch sehr wenig über ihn. Viel besser ist es, wir erleben den Menschen selbst. So ist es auch mit der Bibel. Sie erzählt uns nicht nur über Gott, sondern sie nimmt uns mit hinein in die Begegnung mit Gott, damit wir selber entsprechende Erfahrungen mit ihm machen.


3. Die Bibel, ein Gedichtsbuch

In Gedichten drücken Menschen ihre tiefsten Gefühle, Sehnsüchte und Wünsche aus. So ist es auch in der Bibel. Die ganze Breite unseres menschlichen Lebens mit seinen Höhenflügen und mit seinen Abgründen kommt darin vor. Die Bibel zeigt ihre Helden ungeschönt. Darin zeigt sich ihr unbedingter Wahrheitsanspruch. Sie treibt keine Schönfärberei, sondern sie sagt die Dinge so, wie sie wirklich gewesen sind. Von Mose z.B. heißt es, daß er gestottert hat und nicht vernünftig reden konnte; vor Zorn ist er zum Mörder geworden. Von David berichtet die Bibel, daß er heimlich die Ehe gebrochen hat und dann den Mann umbringen läßt, um an seine Frau ranzukommen. Oder man schaue sich mal an, wie die Zustände der Gemeinde von Korinth im Neuen Testament beschrieben werden: Inzucht, Fresserei, Streit und Chaos - das alles wird sehr kraß und drastisch geschildert. Nichts wird verschleiert oder geschönt. Die ganze Breite unseres Lebens kommt in der Bibel vor. Deshalb ist sie auch ein höchst spannendes Buch: Nicky Gumbel, ein Rechtsanwalt aus London erzählt, wie er die Bibel entdeckt hat: "Ich war Atheist und jemand, der vorgab, man könnte überhaupt nichts sicher erkennen. Letztendlich hatte ich das Christsein über Bord geworfen und übte mich darin, es mit schlagfesten Argumenten zu widerlegen. Nun wollte ich meinen Freunden helfen... eine verstaubte Bibel hatte ich zufällig im Regal. Die nahm ich an diesem Abend und fing an zu lesen. Ich laß das ganze Matthäus- Evangelium, das Markus- Evangelium und das Lukas- Evangelium. Ich kam bis zur Hälfte des Johannes- Evangeliums, als mir die Augen zufielen. Als ich wieder aufwachte, las ich das Johannes- Evangelium zu Ende und dann die Apostelgeschichte, den Römerbrief und die beiden Korintherbriefe. Ich war restlos fasziniert von dem, was ich las. Die Bibel war mir nicht neu, aber sie hatte mir zuvor überhaupt nichts bedeutet. Diesmal las ich sie mit neuen Augen und ich konnte kaum aufhören. Was ich las erschien mir auf einmal glaubwürdig. Ich wußte, daß ich vor einer Entscheidung stand, denn ich fühlte mich deutlich angesprochen." Das ist das Aufregende an der Sache: durch die Bibel spricht Gott dich an und stellt dich vor eine Entscheidung!

4. Die Bibel, ein Gerichtsbuch

Das Wort "Gericht" und "richten" hat etwas mit unsere Begriff "Richtung" zu tun. Die Bibel gibt uns eine Richtung an. Wenn wir in einem fremden Land oder in einer fremden Stadt unterwegs sind, merken wir, wie gut es ist, wenn man die Richtung weiß! Ebenso wissen die meisten Menschen nicht, wozu sie auf der Welt sind und wofür ihr Leben da ist? Deshalb, sagt die Bibel, laufen sie in die falsche Richtung.

Das Gericht, also das Zurechtbringen ereignet sich, wenn ich beim Lesen der Bibel merke: "Mein Leben geht in die falsche Richtung!" Den Normalzustand des Menschen bezeichnet die Bibel mit einem Begriff aus dem Kampfsport: "Hamartia", auf Deutsch "Zielverfehlung". Wenn einer beim Bogenschießen daneben trifft, ruft der antike Kampfrichter "Hamartia! - daneben!" So ruft Gott durch die Bibel dem Leser auch zu: "Daneben! Dein Leben geht in die falsche Richtung. Statt auf Gottes Ehre und das Wohl des Nächsten zielt es auf dich selber, auf deine Familie, deine Gesundheit, dein Auto, dein Glück usw. - daneben!" sagt die Bibel. Das ist leider daneben. Gott hat ein anderes Ziel für dich.

Die Bibel zeigt uns aber auch eine neue Richtung. Der erste Schritt in diese neue Richtung ist es, daß ich meine Selbstbezogenheit und Gottvergessenheit zugebe. Sobald ich das tue, entdecke ich, was Martin Luther in der Bibel entdeckt hat, damals im Turm des Klosters von Wittenberg: "Der Gerechte wird aus Glauben leben!" (Römer 3) Wenn ich Jesus Christus glaube, also ihm von Herzen vertraue, spricht mich Gott gerecht. Wenn ich es ihm abnehme, daß er meine Schuld am Kreuz getragen hat, dann macht er mich frei und gerecht aus Liebe und Gnade ohne irgendeine religiöse Leistung. Wer diese Gnade von Jesus erlebt, bekommt eine neue Richtung in sein Leben. Er muß nicht mehr von dem leben, was er selber kann und hat und darstellt, sondern davon, daß Christus ihn geliebt und freigesprochen hat.

Die Kernbotschaft der Bibel ist in Johannes 3, 16 in einem Satz zusammengefaßt: "So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen einzigen Sohn gab, damit alle die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." Das ist das Evangelium, das Herz der Bibel. Gott liebt dich so sehr, daß er seinen einzigen Sohn für dich ans Kreuz gibt, damit du nicht verurteilt wirst für deine Sünde, sondern er dir Gnade schenken kann. Aber - und das ist das Gefährliche und Prickelnde an der Sache: Wenn ich das Evangelium einmal gehört und begriffen habe; wenn ich die Kernbotschaft der Bibel verstanden habe, dann wartet Gott auf eine Antwort!

Die Bibel stellt dich in Frage. Gott richtet dein selbstgefälliges Leben. Und er will dich begnadigen durch Jesus, der mit seinem eigenen Leben für dich bezahlt hat. Was ist deine Antwort? Ja oder Nein?
Wer die Bibel hört, kann nicht mehr neutral bleiben. An unserer Antwort entscheidet sich für die Ewigkeit unsere Trennung oder Gemeinschaft mit Gott. Jesus sagt (Joh. 5): "Wer mein Wort hört und glaubt, der hat das ewige Leben.... Wer meine Worte nicht annimmt, der hat schon seinen Richter. Das Wort, das ich verkündigt habe wird ihn richten am jüngsten Tage!" (Joh. 12,48) In der Begegnung mit der Bibel geschieht das kommende Gericht Gottes schon jetzt. Im Hören auf die Kernbotschaft der Bibel fällt bei jedem Menschen eine Entscheidung, die für die Ewigkeit gilt. Darum kann man die Bibel mit Recht ein Gerichtsbuch nennen.

Noch einmal zum Ausgangsthema: Was ist der Wahrheitsgehalt der Bibel?
Wenn wir nach Wahrheiten fragen erwarten wir normalerweise eine Sachaussage, also einen richtigen Satz. Und wenn wir den verstanden haben, können wir uns dann dieser Wahrheit bemächtigen, sie sozusagen mit nach Hause tragen und sie praktisch anwenden. Das gilt z.B. für die Wahrheiten: Alle Bälle sind rund; oder: Schrauben dreht man links herum raus; oder: Wasser verdampft bei 100 Grad. Wer solche Wahrheiten in der Bibel sucht, den muß ich leider enttäuschen. Denn die zentrale Wahrheit der Bibel kann man nicht einpacken und mitnehmen. Sie ist nämlich kein Satz, sondern eine lebendige Person.
Jesus sagt (Joh. 14): "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!" Der lebendige Jesus Christus - das ist die Wahrheit der Bibel! Mit diesem Jesus kann man umgehen, wie mit einem Freund. Man kann zu ihm beten und auf ihn hören. Er redet durch die Bibel. Aber: Er ist kein Satz, den man einmal kapiert und mit dem man dann fertig ist. Jesus bezeichnet sich selbst als die Wahrheit, weil ich in der Begegnung mit ihm erkenne, wer ich wirklich bin: Ich erkenne, daß ich ohne Gnade und Vergebung von Gott ewig verloren bin. Ich erkenne auch, daß ich um Jesu Willen von Gott geliebt bin und daß er für meine Schuld bezahlt hat. Ich bin ihm so kostbar, daß ich ein Kind Gottes werden darf!

Karl Barth, der wichtigste Theologe des 20. Jahrhunderts war zu Besuch in Harvard, der berühmtesten Universität der USA. Nachdem er vor der Elite des Landes eine Gastvorlesung gehalten hatte, wurde er von einem Studenten gefragt, ob er eine kurze Zusammenfassung seiner Theologie geben könne? Alle erwarteten hohe philosophische und theologische Sätze. Aber Karl Barth antwortete mit einem Vers aus einem amerikanischen Kinderlied: "Jesus loves me, this I know, cause the bible tells me so!" "Jesus liebt mich, das weiß ich genau, denn die Bibel sagt es mir!"
Das ist die Wahrheit der Bibel. Jesus ist die Wahrheit in Person und in der Begegnung mit ihm, im Licht seiner Liebe erkenne ich die Wahrheit meines Lebens.

5. Abspann: Anleitung zum Bibel lesen

Johann Albrecht Bengel, ein berühmter Bibelforscher, hat einmal gesagt: "Wende dich ganz der Sache zu, und dann wende die ganze Sache auf dich an!" In diesen beiden Kreisen vollzieht sich das Verstehen der Bibel. Mit dem ersten Halbsatz, "wende dich ganz der Sache zu", meint er, daß wir mit viel Energie und Hilfsmitteln herauskriegen sollen, worum es bei dem Bibelabschnitt geht, den wir gerade lesen:
Wann und wo ist das passiert? Wer redet mit wem? Was ist vorher passiert? Was sind die Folgen dieses Geschehens? Redet die Bibel an einer anderen Stelle vielleicht noch einmal von der gleichen Sache?

Wenn wir genau hinschauen, können wir bei den allermeisten Bibelabschnitten früher oder später herauskriegen, worum es hier geht. Dazu muß man manchmal auch Schweiß und Energie investieren. Wer ein neues Computerprogramm lernen will, muß ja auch Stunden und Tage investieren, aber wieviel wichtiger ist es die Bibel zu verstehen! Eine große Hilfe für mich persönlich war es, daß ich über viele Jahre jeden Tag einen Bibelleseplan benutzt habe. Hier gibt es jeden Tag einen kurzen Abschnitt aus der Bibel, der dann in wenigen Sätzen erklärt wird. Man kann sich diese Arbeit auch selber machen, indem man z.B. mehrere Bibelübersetzungen miteinander vergleicht, die Parallelstellen zu einem Bibelabschnitt nachliest, die in vielen Ausgaben am Ende der jeweiligen Verse stehen, oder indem man ein Bibellexikon benutzt, in dem schwierige Begriffe und Sachverhalte erklärt sind. Am besten ist es, mit den Evangelien, also den Lebensbeschreibungen von Jesus im Neuen Testament anzufangen. Hier versteht man das Meiste sofort und landet von Anfang an im Zentrum der ganzen Bibel.

Wenn man herausgekriegt hat, worum es in dem Bibelabschnitt geht, kommt der zweite Kreis des Verstehens: "Wende die ganze Sache auf dich selbst an!" Ich frage mich: was hat die geschilderte Situation mit meinem eigenen Leben zu tun? Wo kommt das Thema um das es geht in meinem Leben vor?
Versuchsweise identifiziere ich mich mit den unterschiedlichen Personen, die in der Geschichte vorkommen und ich bitte Gott mir klar zu machen, wo er mich meint, wenn er von ihnen redet. Betend stelle ich ihm immer wieder die Frage: "Was willst du mir, Herr, heute damit sagen?"
Wer das tut, wird die verblüffende Entdeckung machen, daß die Bibel hochaktuell ist! Der Geist Gottes gebraucht die Geschichten und Sätze der Bibel, um mir in meinem eigenen Leben Trost und Weisung und Korrektur zu schenken.
Zum Schluß noch eine Anekdote von einem Missionar in Afrika: Nach einer Veranstaltung, wie dieser, kommt einer der afrikanischen Zuhörer auf ihn zu und sagt: "Ehrlich gesagt, was sie mir da von Gott erzählen, glaube ich ihnen nicht. Ich hätte aber trotzdem gerne eine von den Bibeln, die sie verschenken." "Was wollen sie damit, wenn sie der Bibel sowieso nicht vertrauen?" antwortet der Missionar. "Das Papier ist so schön dünn- da kann ich mir gut meine Zigaretten draus drehen." Der Missionar überlegt einen Moment, dann gibt er ihm die Bibel und sagt: "Einverstanden, unter einer Bedingung: Jedesmal bevor sie sich eine Zigarette drehen, lesen sie sich das Blatt durch, daß sie herausgerissen haben!" Das hat dieser Mann gemacht, vielleicht 200 Seiten lang. Dann hat er aufgehört, denn die Bibel hat ihn überzeugt. Das wünsche ich Ihnen allen!

 

 

 

 

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